Zwischen Verantwortung, Existenzdruck und der Frage: Wie lange geht das noch?
Landwirtschaft bedeutet Verantwortung: Für die Tiere, die vom Versorger abhängig sind. Für die Flächen, die bewirtschaftet und erhalten werden sollen. Für Mitarbeiter und nicht zuletzt für die eigene Familie. Der Arbeitstag richtet sich nicht nach der Uhr. Kühe müssen versorgt, Felder bestellt, Ernten eingebracht und betriebliche Entscheidungen getroffen werden. Gleichzeitig steigen die Anforderungen: wirtschaftlicher Druck durch steigende Kosten, Bürokratie, gesellschaftliche Erwartungen und die Unsicherheit über die Zukunft des eigenen Betriebs können zur dauerhaften Belastung werden.
Wie sehr diese Belastungen an die Substanz gehen können, zeigt der MDR-Beitrag „Erschöpft und frustriert – Bauern am Limit?“ aus der Reihe exactly. Die am 16. Mai 2024 veröffentlichte Reportage beschäftigt sich mit der psychischen Belastung von Menschen in der Landwirtschaft. Im Mittelpunkt steht unter anderem ein Landwirt, der unter psychischem Druck leidet. Zugleich stellt der Beitrag die Frage, wer heute überhaupt noch bereit ist, einen landwirtschaftlichen Betrieb zu übernehmen.
Wenn aus Belastung Überlastung wird
Psychische Belastungen entstehen häufig nicht durch ein einzelnes Ereignis. Vielmehr kann sich vieles über Jahre summieren: finanzielle Sorgen, Konflikte in der Familie, Probleme bei der Hofübergabe, Arbeitsüberlastung oder die permanente Unsicherheit darüber, wie es mit dem Betrieb weitergeht.
Gerade in der Landwirtschaft kommt hinzu, dass Arbeit und Privatleben eng miteinander verbunden sind. Der Betrieb ist zugleich Arbeitsplatz, Lebensmittelpunkt und häufig Familiengeschichte. Eine Krise im Betrieb bleibt deshalb selten auf den Arbeitsplatz beschränkt.
Die Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau (SVLFG) nennt unter anderem die Sorge um den Betrieb, Stress am Arbeitsplatz, familiäre Konflikte und kritische Lebensereignisse als Situationen, in denen die Belastung irgendwann zu groß werden kann. Es ist wichtig, Warnsignale ernst zu nehmen. Wer dauerhaft erschöpft ist, keinen Ausweg mehr sieht, sich zurückzieht oder das Gefühl hat, mit den eigenen Problemen allein zu sein, sollte nicht darauf warten, dass es von selbst besser wird.
Hilfe anzunehmen ist kein Zeichen von Schwäche
In der Landwirtschaft herrscht vielerorts noch die Vorstellung, Probleme müsse man selbst lösen. In manchen Fällen klappt es, in den meisten jedoch nicht. Wenn einem Probleme bis zum Hals stehen, hilft stattdessen das Gespräch mit einem anderen Menschen, etwa, um die eigenen Gedanken laut auszusprechen, um sich Mut zusprechen zu lassen oder vielleicht Lösungen zu finden, auf die man alleine nicht gekommen wäre.
Für Versicherte der SVLFG gibt es dafür eine Krisenhotline, die rund um die Uhr und anonym erreichbar ist. Dort beraten erfahrene Psychologinnen und Psychologen sowie psychiatrische Fachpflegekräfte. Gemeinsam können konkrete Lösungen für die jeweilige Situation besprochen werden. Auf Wunsch ist auch eine Weitervermittlung an passende Angebote der SVLFG oder regionale Beratungsstellen möglich.
Krisenhotline der SVLFG:
0561 785 – 10101
24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche
Ein Gespräch unter Menschen, die die Landwirtschaft kennen
Eine weitere Anlaufstelle ist das MontagsTelefon des Bayerischen Bauernverbandes. Das Angebot richtet sich an Menschen aus landwirtschaftlichen Familien, die jemanden zum Zuhören brauchen.
Jeden Montag können sich Betroffene telefonisch melden. Die ehrenamtlichen Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner kommen selbst aus landwirtschaftlichen Familien und kennen deshalb viele der Sorgen, die mit Hof, Familie und betrieblicher Zukunft verbunden sein können. Themen reichen von Partnerschaft und Einsamkeit bis hin zu Überlastung und Ängsten.
MontagsTelefon:
0800 – 131 131 0
Montags von 9:00 bis 13:00 Uhr und von 16:00 bis 20:00 Uhr
Weitere Hilfsangebote gibt es von den verschiedenen Bäuerlichen Familienberatungen.
Nicht erst warten, bis gar nichts mehr geht
Klingt etwas von den beschriebenen Problemen für Sie vertraut oder erinnert Sie an einen lieben Menschen? Dann warten Sie nicht, sondern nehmen Sie psychische Gesundheit genauso ernst wie die Gesundheit von Tieren, Böden oder Maschinen.
Wer selbst betroffen ist, muss nicht erst völlig am Ende sein, bevor er sich Hilfe holt. Und auch Angehörige, Freunde oder Berufskollegen können aufmerksam werden und ein Gespräch anbieten. Sie sind nicht allein.
