Nicht mehr lange … am 25.10. ist es wieder so weit: Die Uhren werden umgestellt. Immerhin handelt es sich dabei um die nettere der beiden Umstellungen. Wir dürfen morgens eine Stunde länger schlafen. Das ist zunächst beruhigend, denn Verkehrsteilnehmer haben so eine Stunde mehr, um wach zu werden, bevor sie sich in den Berufsverkehr stürzen. Wobei die Erfahrung lehrt, dass eine zusätzliche Stunde Schlaf nicht zwangsläufig zu einer zusätzlichen Stunde Aufmerksamkeit führt.
Allerdings werden Essenszeiten und Feierabend für unsere innere Uhr eine Stunde länger auf sich warten lassen. Der Magen meldet sich schließlich nicht beim Bundesamt für Zeitmanagement, sondern hält sich hartnäckig an seinen eigenen Dienstplan.
Woher kommt die Zeitumstellung überhaupt?
Tatsächlich existiert sie in ihrer heutigen Form noch gar nicht so lange. Als Reaktion auf die Ölkrise von 1973 wurde die Sommerzeit in Deutschland 1980 in der Hoffnung wieder eingeführt, durch eine bessere Nutzung des Tageslichts Energie zu sparen. Bewahrheitet hat sich diese Hoffnung allerdings nur bedingt: Zwar lässt sich abends unter Umständen Beleuchtungsenergie einsparen, dafür heizt man morgens in der Regel mehr (Hochsommer ausgenommen). Eine eindeutige Erfolgsgeschichte sieht anders aus. (Quelle: ARD)
Der Streit um die Abschaffung und die Wahl zwischen Sommerzeit (MESZ) und Normalzeit (MEZ) eskaliert dagegen verlässlich auf allen Plattformen mit Kommentarfunktion. Die einen wollen dauerhaft Sommer, die anderen dauerhaft Winter, der eigentlich Normalzeit heißt, und wieder andere möchten vor allem, dass endlich niemand mehr an ihrer Mikrowelle herumfummelt.
Da ich – wie viele von Ihnen – eine Fachkraft für Arbeitssicherheit mit ingenieurwissenschaftlichem Hintergrund bin, möchte ich die Sache einmal anders angehen: Warum machen eigentlich alle Uhren in Deutschland verlässlich mit? Ich habe die Zeitumstellung gelegentlich schon vergessen, stundenweise, meistens nachts, meine Uhr nicht. Sie hat mich verlässlich eine Stunde früher geweckt oder mich denken lassen, ich sei in der Twilight Zone, weil ich mich nach sechseinhalb Stunden ausgeschlafen fühlte.
(Der Verlässlichkeit der Uhren gegenübergestellt sei die Verlässlichkeit der Kinder, die interessiert die Zeitumstellung NULL, Ausschlafen ist nicht mehr.)
Die Zeit kommt aus Braunschweig
Bevor wir uns mit der Zeitumstellung beschäftigen, müssen wir eine grundlegende Frage klären: Woher wissen wir eigentlich, wie spät es ist? Schließlich kann man sich nicht darauf verlassen, dass die Uhr im Besprechungsraum stimmt. Die geht bekanntlich entweder fünf Minuten vor oder steht seit dem letzten Batteriewechsel auf 10:42 Uhr.
Die Grundlage unserer gesetzlichen Zeit ist die koordinierte Weltzeit UTC. Für Deutschland gilt im Winter die Mitteleuropäische Zeit (MEZ), die UTC um eine Stunde voraus ist. Im Sommer kommt eine weitere Stunde hinzu: Dann gilt die Mitteleuropäische Sommerzeit (MESZ), also UTC plus zwei Stunden.
Damit diese Zeit nicht nur auf dem Papier existiert, sondern auch möglichst genau eingehalten wird, braucht es hochpräzise Uhren. Und hier kommt die PTB ins Spiel.
PTB steht für Physikalisch-Technische Bundesanstalt. In Braunschweig betreibt die PTB unter anderem eine sogenannte Cäsium-Fontänenuhr. Der Name klingt ein wenig nach einer Attraktion im Technikmuseum, tatsächlich handelt es sich aber um ein hochpräzises Messinstrument. Dabei werden Cäsiumatome in einer Art Fontäne nach oben geworfen. Während sie sich bewegen, durchlaufen sie ein Mikrowellenfeld. Dieses regt Übergänge zwischen zwei genau definierten Energiezuständen der Atome an.
Die entscheidende Eigenschaft: Cäsium-133-Atome wechseln zwischen diesen Zuständen mit einer extrem stabilen, genau festgelegten Frequenz. Seit 1967 ist die Sekunde im Internationalen Einheitensystem über diese Frequenz definiert: Eine Sekunde entspricht 9.192.631.770 Schwingungen der entsprechenden Strahlung.
Die PTB nutzt solche Atomuhren, um die deutsche Zeitbasis mit höchster Genauigkeit zu bestimmen und zur internationalen Zeitbestimmung beizutragen. Sie sorgt damit dafür, dass unsere Zeitangaben nicht davon abhängen, ob jemand seine Armbanduhr nach dem Kirchturm oder nach dem Smartphone stellt.
Und wie kommen die Uhren jetzt zur neuen Zeit?
Die PTB stellt natürlich nicht persönlich jede einzelne Uhr in Deutschland um. Das wäre selbst mit einem sehr motivierten Außendienst eine ziemlich ambitionierte Aufgabe.
Stattdessen wird die gesetzliche Zeit über verschiedene Wege verbreitet. Ein besonders bekannter ist der Langwellensender DCF77 in Mainflingen bei Frankfurt am Main. Er sendet Zeitinformationen, die von Funkuhren empfangen und ausgewertet werden können. Dazu gehören auch Informationen zur bevorstehenden Umstellung zwischen MEZ und MESZ.
Die Funkuhr empfängt das Signal, wertet es aus und stellt sich entsprechend ein. Ganz ohne Diskussion, ohne Abstimmung und ohne einen einzigen Kommentar mit dem Inhalt: „Früher war die Zeitumstellung auch nicht so kompliziert.“
Wichtig ist dabei die Unterscheidung: Die PTB stellt die genaue Zeit bereit und ist für die Realisierung der gesetzlichen Zeit zuständig. Das Zeitsignal wird über entsprechende technische Systeme verbreitet. Die Funkuhr selbst entscheidet anhand der empfangenen Informationen, welche Zeit sie anzeigen muss.
Und was ist mit der Uhr im Auto, der Backofenuhr oder dem Wecker, der seit 2014 konsequent sieben Minuten nachgeht? Die machen nur dann automatisch mit, wenn sie die Zeitumstellung selbst berücksichtigen oder ein entsprechendes Zeitsignal empfangen. Bei vielen Geräten bleibt deshalb weiterhin Handarbeit gefragt.
Die Zeit läuft
Das sind also die technischen Hintergründe zu den Uhrzeiten, die unseren Alltaga bestimmen. Hinter der scheinbar simplen Frage, wie spät es ist, steckt eine ganze Menge Physik, Messtechnik und präzise Arbeit. Und während wir morgens verschlafen nach dem Lichtschalter tasten, sorgen Atomuhren und Zeitsignale dafür, dass zumindest die Zeit nicht auch noch durcheinandergerät.
In diesem Sinne: Genießen Sie die zusätzliche Stunde Schlaf, stellen Sie die nicht funkende Kaffeemaschine rechtzeitig um und wir wünschen Ihnen einen erholsamen Start in die Winterzeit.
